Impulse zur Instrumentalpädagogik
Olaf Adler: Henri Vieuxtemps als Kind und Teenager
Ein Kommentar von Laura Zarina
Olaf Adler, Dozent der Hochschule „Franz Liszt“ Weimar mit dem Schwerpunkt Hochbegabtenförderung, zeichnete Henri Vieuxtemps Teenagerjahre als Musterfall historischer Begabtenförderung. Aus dem musikalischen Elternhaus in Verviers führte der Weg früh nach Brüssel: mit neun Jahren kam er zu Charles de Bériot und erhielt Unterricht mit einem klaren Tagesplan (Violine, Klavier, Englisch, Komposition, Korrepetition). Die Unterrichtspraxis setzte damals auf tägliche Improvisation als Motor für das Komponieren – das „Thema mit Variationen“ wurde zum Handwerk.
Das Lernen war sozial organisiert: Regelmäßiges Musizieren mit Gleichrangigen (u. a. Pauline García/Viardot, später Josephine Eder) war fester Bestandteil der Ausbildung. Hier galt: Niveau vor Alter. Repertoire und Technik wuchsen an „französischen“ Vorbildern (Rode, Lafont) und an Höreindrücken der Besten: Quartette in Wien, Paganini in London, Beethoven und Spohr; daraus entstand Vieuxtemps’ Ziel, ernste Musik und moderne Violintechnik jenseits des bloßen Air varié zu verbinden.
Die Finanzierung der Ausbildung folgte einem Dreiklang aus Familie, Mäzenatentum und Staat: de Bériot bat König Wilhelm I. um Unterstützung; ein Lütticher Triumph brachte einen Tourte-Bogen und einen Kreditbrief über 10 000 Francs (~40 000 € heute).Auch heute gilt: Ein Startstipendium ist hilfreich – die Hebel sind aber eine verlässliche Bühne, starke Peers und ein kontinuierlicher Zugang zu gut klingenden Instrumenten (auch in kleinen Größen).
Eine der Kernfragen des Vortrags war, wie wir Improvisation, Repertoirearbeit und Klangideal so kultivieren, dass daraus ein belastbares Qualitätsverständnis entsteht? Adlers Folien bündelten dazu die Bausteine: Elternhaus, finanzielle Förderung, schlüssiges Curriculum, Peergroups und künstlerische Anregungen als eine Blaupause für die heutige Begabten-Ausbildung.
Prof. Dr. Wolfgang Lessing: Mikado-Musik“
Ein Kommentar zum Crowd-Research-Projekt der Arbeitsgemeinschaft der Leitenden musikpädagogischer Studiengänge „ALMS“
von Johanna Lauber
Die Vorstellung der MIKADO-Musik-Studie durch Prof. Wolfgang Lessing hat mich sowohl in ihrer Herangehensweise als auch in ihrem Umfang sehr beeindruckt. Ich sehe darin die Chance, gefühlte Realitäten in überprüfbare Fakten zu verwandeln, die entscheidend zur Verbesserung bestehender Missstände beitragen können und möchte das im Folgenden an einigen Beispielen zeigen:
Besonders aufschlussreich war für mich die Erkenntnis, dass der Beruf des Musikpädagogen häufig nicht bewusst gewählt wird, sondern der Wunsch danach vielmehr durch ein allmähliches „Hereinwachsen“ entsteht. Viele Lehrkräfte orientieren sich an Vorbildern – etwa an ihren eigenen Lehrern – und finden so ihren Weg in die musikpädagogische Laufbahn. Dieses Muster hat jedoch eine problematische Kehrseite: Wenn die bisherigen Vorbilder ihren Beruf nicht mehr empfehlen oder aufgrund schwieriger Rahmenbedingungen davon abraten, verschärft sich der ohnehin bestehende Nachwuchsmangel. Deutlich wird dies insbesondere vor dem Hintergrund der Arbeitsrealität vieler Musikpädagoginnen und -pädagogen, die von unzureichender Bezahlung, unsicheren Beschäftigungsbedingungen und mangelnder gesellschaftlicher Anerkennung geprägt ist.
Die Studie zeigt auch, dass unter besseren Rahmenbedingungen – etwa höheren Gehältern, stabileren Arbeitsverhältnissen und einem höheren Ansehen des Berufs – deutlich mehr Menschen diesen Weg einschlagen würden. Ein Vergleich mit Österreich, wo Musikpädagoginnen und -pädagogen unter günstigeren Voraussetzungen arbeiten, stützt diese Einschätzung empirisch.
Ein weiteres zentrales Ergebnis betrifft die Sichtbarkeit des Studiengangs Instrumentalpädagogik. Viele Befragte wussten gar nicht, dass es diesen Studiengang überhaupt gibt. Hinzu kommt, dass vorbereitende Einrichtungen wie Pre-Colleges, Landesgymnasien oder Jungstudiengänge in der Regel stärker auf künstlerische Studiengänge vorbereiten und weniger in Richtung Instrumentalpädagogik orientieren. Dadurch fehlt ein wichtiger Zugangskanal für junge Menschen, die sich möglicherweise für die pädagogische Seite des Musikberufs interessieren würden.
Fazit: Für eine bessere Bezahlung können und sollten wir uns weiterhin einsetzen, die Umsetzung liegt aber außerhalb unseres Handlungsbereiches. Doch auf die anderen Punkte können wir durchaus Einfluss nehmen - für mich eine motivierende Erkenntnis!
An apple a day….
Ein Kommentar zu täglichen Studien von Ulrich Schliephake, 14.11. 2023
150 x- einhundertfünfzig Mal! Als der Psychologe beim Landesjugendorchester Sachsen in seinem Vortrag zum „Selbstwertgefühl“ fragte, wer sich immer einmal selbst lobt, meldete ich mich zaghaft. Nur wenige Arme gingen nach oben, aber -Erleichterung! Er lobte uns. Uff.
Das gibt mir den Mut, von meinem Ritual zu berichten.
Rituale sind, wie der Philosoph Byung Chul Han schrieb: „symbolische Techniken der Einhausung“. Er beklagt deren Verschwinden in der Gegenwart und ermutigt zu deren Pflege.
Jeden Tag- außer am Sonntag- bemühe ich mich um mein Ritual seit ca. 30 Jahren. Es gelingt nicht immer, wie man nachrechnen kann, es gab ganz schöne Durststrecken, aber jetzt habe ich es geschafft: 150 x!
150 x 24= 3600 Tage.
Meine täglichen Übungen!
Der Ausgangspunkt waren die „Täglichen Studien für Violine“ von Augustin Kolár, im Laufe der Jahre haben sie viel Ergänzungen und Veränderungen erfahren. Geblieben ist das tägliche Wechseln der Tonleitern. Am Anfang war das brutal: Des – Dur, b- Moll… aber mittlerweile sind sie mir gute Freunde geworden. Keine Herrschaft von G- und D- Dur! Reinste Demokratie- jede kommt mal dran.
Flesch, Märkl, Fischer, Bergmann, Dounis, Jacobsen, Vamos, Cohen usw.- alles mal durchgefingert und mir mein Programm gebaut. Jetzt steht es und ich habe zu eigenen zusätzlichen Übungen gefunden. Natürlich wird immer mal variiert, denn auch Rituale müssen lebendig bleiben.
Immer wenn ich den Quintenzirkel absolviert habe, schreibe ich mir das Datum in mein zerfleddertes Kolár- Heft. Deshalb weiß ich das so genau- und dann belohne ich mich. Heute habe ich mir die Mendelssohn- Quartette op.44 gekauft und werde mein Quartett zur Feier einladen.
Ob ich die 200 schaffe? Ich bin skeptisch, aber im Moment voller Elan. Ich werde in 10 Jahren berichten!